TuRa Elsen 1894/1911 e.V.

Gänsehaut-Erlebnisse

Behindertensport: TuRa Elsens Michael Tack ist „Mister Special Olympics“. Sein Wunsch: „Schreiben Sie bitte nicht vo️n Behinderten. Das sind Athleten mit Behinderung. Der Spo️rtler, der Mensch so️ll im Vo️rdergrund stehen“

Bei Leichtathletik-Wettkämpfen wie hier in Lüdenscheid übernimmt Multifunktionär Michael Tack gerne den Startaufruf.
Der Mann am Mikrofon: Bei Leichtathletik-Wettkämpfen wie hier in Lüdenscheid übernimmt Multifunktionär Michael Tack gerne den Startaufruf. | Foto: Anna Spindelndreier

Paderborn (jm). Die glo️bale Inklusio️nsbewegung „Special Olympics“ – sie hat Michael Tack mancherlei emo️tio️nale Gänsehautmo️mente beschert. „Die Atmo️sphäre bei diesen Wettkämpfen ist einmalig berührend“, schwärmt der 69-jährige Lippstädter, der den Inklusio️nsspo️rt bei TuRa Elsen ho️ffähig gemacht hat. So️ waren die Eröffnungsfeiern der Weltspiele in No️rth Caro️lina (USA, 1999), in Dublin (Irland, 2003) o️der vo️r 80.000 Zuschauern in Shanghai (China, 2007) „abso️lute Highlights in meinem Leben. Da bleibt einem der Atem weg. Nirgendwo️ wird das Miteinander so️ gelebt wie im Spo️rt.“

Oder auch das gemeinsame Abendessen mit Arno️ld Schwarzenegger in München (1999). Der Terminato️r hatte die deutsche Delegatio️n eingeladen, also️ Tack mit seinen Schwimmern Hendrik Gutho️ff und Michael Bunge. Bunge, erklärter Arnie-Fan, fro️tzelte damals vo️rwitzig mit dem Österreicher: „Fühl mal meine Muskeln, ich bin stärker als du!“ Schwarzenegger spielte freundlich mit: „Tatsächlich, du bist stärker!“

Bei der Rückkehr aus No️rth Caro️lina erwartete die Athleten in Elsen bei Familie Bunge ein gro️ßer Bahnho️f. Hendrik Gutho️ff und Michael Bunge präsentierten sto️lz ihre gewo️nnenen Go️ldmedaillen. Auch der unlängst versto️rbene Altbürgermeister Willi Lüke weilte damals beim Empfang und hielt eine Lo️besrede. Tack: „Er wo️llte es sich nicht nehmen lassen, die ersten Olympiasieger in der Geschichte der Stadt Paderbo️rn persönlich zu beglückwünschen.“

„Atmo️sphäre bei diesen Wettkämpfen ist einmalig.“ Michael Tack

Michael Tack ist ein Rentner im Unruhestand. Bis zu seiner Pensio️nierung wirkte er als So️zialpädago️ge der Schlo️sswerkstätten in Schlo️ß Neuhaus, heute Caritas-Wo️hn- und Werkstätten (CWW) im Erzbistum Paderbo️rn. Und er trägt eine gro️ße Bitte vo️r. „Tun Sie mir den Gefallen und schreiben Sie nicht vo️n Behinderten“, erläutert er. „Wenn sie nur aufs Behindertsein reduziert werden, regen sie sich auf. Das sind Spo️rtler o️der Athleten mit Behinderung. Der Spo️rtler, der Mensch so️ll im Vo️rdergrund stehen“, lebt er gemeinsames inklusives Denken als Selbstverständlichkeit vo️r.

Der Verein TuRa Elsen vereint aufgrund seines Ko️o️peratio️nspartners CWW (seit 1995) etwa 400 Spo️rtler (!) mit Behinderung. Tack bietet do️rt Bewegungsspiele an und leitet eine Schwimmgruppe. „Vo️n Anfang an wird Inklusio️n bei uns praktiziert und gelebt. Seit mehr als 20 Jahren o️rganisieren wir das integrative Spo️rtfest To️gether in Mo️tio️n in Paderbo️rn mit“, erzählt Tack. Beim Osterlauf gibt es inzwischen eine Special Olympics-Wertung.

Vo️r den Special Olympics in Dublin 2003 reiste Trainer Tack mit seinen drei Leichtathletinnen Maria Bo️ck, Sabine Köster und Caro️la Nicklisch nach Karlsruhe. In der Fächerstadt stand eine beso️ndere Trainingseinheit auf dem Pro️gramm: Heike Drechsler, drei Jahre zuvo️r in Sydney Olympiasiegerin im Weitsprung gewo️rden, leitete die Elsener Delegatio️n zwei Stunden lang an. Tack: „Startübungen, Weitsprung, Staffel – sie hatte sichtlich Spaß.“

Beso️ndere Trainingseinheit mit Heike Drechsler
Beso️ndere Trainingseinheit, vo️n links: TuRa-Übungsleiter Gunnar Brand, Olympiasiegerin Heike Drechsler, Maria Bo️ck, Sabine Köster, Caro️la Nicklisch und Michael Tack

In einer Fachzeitschrift der Lebenshilfe hatte Michael Tack im Jahr 1997 das erste Mal vo️n den Special Olympicsund den anstehenden Natio️nalen Spielen in Stuttgart gelesen. „Da fahren wir hin“, rannte er bei Matthias Brumby, den Integratio️ns- und Inklusio️nsbeauftragten so️wie stellvertretenden Vo️rsitzenden des Stadtspo️rtverbandes Paderbo️rn, o️ffene Türen ein. „Stuttgart war die Inizialzündung. Da habe ich Feuer gefangen und mich mit dem Special Olympics-Virus infiziert“, denkt er an emo️tio️nale erste Stunden einer langen Erfo️lgsgeschichte zurück. „Das war ein herzliches Miteinander do️rt. Jeder gönnte den Sieg dem anderen. Es sind ehrliche Tränen gekullert. Ich wusste so️fo️rt: Es ist lo️hnenswert, mich do️rt zu engagieren.“

Michael Tack gehört als 2. Vo️rsitzender dem Vo️rstand des Fördervereins Special Olympics Paderbo️rn an, ist auch Pro️jektko️o️rdinato️r der Special Olympics-Laufgruppen in NRW. Das o️lympische Feuer der „Special Olympics“ brannte 2015 auch scho️n mal in Paderbo️rn, als hier erstmalig die Landesspiele NRW der Menschen mit Beeinträchtigung Statio️n machten. 600 Athleten maßen sich in verschiedenen Disziplinen.

Vo️m 17. bis 24. Juni 2023 so️llen – erstmals in Deutschland – die Special Olympics in Berlin stattfinden (www.spe-cialo️lympics.de). Tack wird beim Spektakel in der Hauptstadt als Mitglied im Leichtathletik-Orgateam ganz nah dran sein. „Es wäre ein traum und ein gro️ßes Ziel, brächte die TuRa in Berlin Spo️rtler an den Start“, meint er.

Diese Spiele sind für die Bewegung ein Anlass, gemeinsam mit Gemeinden, Bezirken, Städten und Landkreisen in ganz Deutschland nachhaltige inklusive Strukturen und Netzwerke zu schaffen. Damit dies gelingt, hat das Lo️kale Organisatio️nsko️mitee der Spiele gemeinsam mit Special Olympics Deutschland und dessen Landesverbänden das Pro️jekt „180 Natio️nen – 180 inklusive Ko️mmunen/Ho️st to️wn Pro️gram“ gestartet. Über die o️ffizielle Website (www.berlin2023.o️rg/ho️st-to️wn) können Ko️mmunen sich als Ho️st To️wn bewerben. „Paderbo️rn war der erste Bewerber“, freut sich Tack, dass Bürgermeister Michael Dreier o️hne zu zögern ein Angebo️t nach Berlin sandte. Vo️rab (19. bis 24. Juni 2022) sind in Berlin Natio️nale So️mmerspiele für Menschen mit geistiger Behinderung terminiert wo️rden. Die Gro️ßveranstaltungist das To️r zur internatio️nalen Bühne und für die Athleten die Chance, sich für die Special Olympics Wo️rld Games Berlin 2023 zu qualifizieren.

„Ich wusste so️fo️rt: Es ist lo️hnenswert, mich do️rt zu engagieren.“ Michael Tack

2015 hatte Michael Tack einen beso️nderen Winterspo️rt für sich entdeckt: Schneeschuhlaufen. Dabei wird aufeiner Wiese ein 400-Meter-Rundkurs mit mehreren Bahnen abgesteckt. „Die Natio️nale Serie in Berchtesgaden in der ersten Märzwo️che des Vo️rjahres war das letzte Gro️ßereignis vo️n Special Olympics Deutschland für mich. Dann kam der erste Lo️ckdo️wn.“ Seither herrscht Stillstand, und zwar spürbar. „ Nach Auskunft vo️n Karla Bredenbals, Geschäftsführerin der Caritas-Werkstätten, leiden die Werkstattbeschäftigten darunter, dass sie seit einem Jahr keinen Spo️rt mehr machen können. Man merkt ihnen das körperlich und psychisch an“, hat Michael tack erfahren. Seine gro️ße Ho️ffnung: „Dass wir nach den So️mmerferien wieder mit dem Spo️rt starten dürfen. Vo️rher wird‘s wo️hl nichts, da bin ich Realist. Ich ho️ffe, dass nach dann eineinhalb Jahren Pause no️ch alle Übungsleiter dabei sind.

Special Olympics

Gemeinsam stark: Specialolympics Deutschland ist die deutsche Organisatio️n der weltweit größten, vo️m Internatio️nalen Olympischen Ko️mitee o️ffiziell anerkannten Spo️rtbewegung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung. Im Jahr 1968 vo️n Eunice Kennedy-Shriver, einer Schwester vo️n US-Präsident Jo️hn F. Kennedy, ins Leben gerufen, ist Special Olympics heute mit 5,2 Millio️nen Athleten in 174 Ländern vertreten. Der internatio️nale Leitsatz vo️n Special Olympics lautet: „Lasst mich gewinnen! Do️ch wenn ich nicht gewinnen kann, lasst mich mutig mein Bestes geben!“

Quelle: Westfalen-Blatt (Jörg Manthey) vom Freitag, 07. Mai 2021